17.12.19

Ich bin aufgewacht, und zwar ärgerlich.
Hab meinen Notizblock zur Hand genommen und geschrieben, heute ohne Zensur meiner Gedanken.

Ich bin sauer, weil es in unserer Wg aussieht wie sau. Weil sich alle beschweren, dass einer besonders wenig putzt, und niemand etwas sagt. Weil alle ein Wg Meeting wollen und wenn ich es dann initiiere, keiner spricht, sondern alle darauf warten, dass ich beginnt. Oder ich selbst. Dass sich niemand um sich selber kümmert.
Bin sauer, weil ich extra 10 Minuten früher zur Arbeit losgefahren bin und mich dann verfahren habe und von meiner Chefin dafür kritisiert werde und weiß, Ausreden sind so gut wie nie überzeugend, und fast zu spät bin ich ja. Ich bin ärgerlich, denn man kann das auch anders sagen.
Bin sauer, weil ich in der Bar arbeite, meine Schulter verletzt habe und nicht schwer tragen kann, ein Kollege das weiß, und sagt: falls du das tragen kannst, sortiere doch diese 400 Gläserrecks um. Wir sind zu zweit und er hat etwas anderes zu tun. Bin sauer auf ihn.

Ich ärgere mich, weil es in unserer Wg aussieht wie sau. Und ich am Ende, statt direkt die verantwortliche Person zur Rede zu stellen, in den Raum verkünde, dass ich den Müll wegbringe, ob mir jemand helfen würde. Und es dann selber tu. Bin eigentlich sauer auf mich, weil ich 400 Gläserrecks umsortiere, obwohl ich eine Verletzung habe. Ich ärgere mich über mich selber, weil ich weiß, Ausreden bringen so gut wie nie was, die sind nur peinlich. Und weiß, am Ende habe ich außerdem doch noch das Erdnussbutterbrot aufessen wollen, obwohl ich vorhatte, zu einem Ort zu fahren, an dem ich noch nie war, und es tatsächlich knapp war.

Ärgere mich über mich, wenn ich mich nicht um mich selbst kümmere. Wenn ich mir nicht zeige, dass ich Verantwortung habe. Ärgere mich nur dann über andere, wenn ich mich eigentlich über mich selber ärgere. Dass ich nicht anders mit der Situation umgegangen bin.


Höre ich Menschen sich rechtfertigen, kriege ich Ausschlag. Verbiete mir deshalb fast immer, mich zu verteidigen, wenn mir etwas vorgeworfen wird. Will mich auch verteidigen, aber ich hab nichts zum verteidigen. Meine Freundin würde vielleicht jetzt sagen, du bist schon wieder so streng zu dir, und beim Gedanken daran fühle ich leichte Scham, denn ich dachte ja erst, ich hätte Recht.

13.12.19

Ich hatte zum ersten Mal Gitarrenunterricht. Der Lehrer etwas älter, so mitte 50, in seiner althippiesken Art durchaus attraktiv, seine Frau, die mich durch ihre sachliche Coolness einschüchtert, leitet die Musikschule. Als ich im Unterricht sitze und erzähle, dass ich mir Lieder ausdenke und mich gern selbst damit begleiten würde, außerdem meine Lieblingskünstler aufzähle, sagt er: Ich bin beeindruckt. Da merke ich, dass ich hier sitze und auch versuche, ihn zu beeindrucken. Und er beeindruckt ist.
Dass ich heute die Rolle der jungen lebendigen Frau zeige, die bei älteren Männern immer zieht, die junge talentierte Frau, Künstlerin, asiatische Kampfkünstlerin, Philosophin, etwas mädchenhaft, aber unabhängig und frei, und es ist mir peinlich, das zu schreiben, klingt es doch so, als sei ich durch und durch berechnend und aufgesetzt. Und es ist mir peinlich, dass ich direkt das Bedürfnis habe, die Aussage des letzten Satzes zu relativieren, indem ich erkläre, wie ich EIgentlich bin, mich also zu rechtfertigen, also tu ich es jetzt nicht.

11.12.19

Alter, ich hab mich im Schlaf geschämt. Ich hab heute den ersten Arbeitstag in ’nem Laden, und diesen Arbeitstag habe ich im Traum erlebt, habe dort fünf Stunden verschlafen, wurde dann angerufen, habe mich geschämt, weil ich fünf Stunden zu spät war und weil es mir egal war und ich erst im Traum verstanden habe, dass man so etwas nicht macht.

Den Job hatte ich mir schon in Deutschland rausgesucht, wollte gern dort arbeiten. Hatte mir so überlegt, was ich dort gern verdienen würde. Beim Trial bekam ich auf die Frage, was es pro Stunde denn gebe, keine klare Antwort, nur dass es nach Erfahrung gehe und je mehr Erfahrung, desto besser wird bezahlt.
Ein paar Tage später bekam ich die Nachricht, dass sie mich sehr gerne einstellen würden, doch zum Mindestlohn. Wir führten eine sich über viele Kurznachrichten ausdehnenende Diskussion, weil ich damit nicht einverstanden war, mit der Erfahrung, die ich hatte, hatte ich doch einen ähnlichen Laden in Berlin allein geschmissen, und merke, dass ich jetzt aber ein bisschen übertreibe, meistens war noch jemand dabei, und am Ende kamen wir nicht überein, wobei die SMS – Partnerin sagte, sobald ich allein arbeiten würde ich den Stundenlohn auf jeden Fall bekommen, den ich gern hätte. Ich war froh, hatte ich doch meine Ehre behalten.
Dann begannen die Wochen der täglichen Jobsuche und die Erkenntnis, dass es wahnsinnig schwierig ist, einen Job zu finden. Ich merkte auch, dass die Löhne so dolle eigentlich gar nicht sind, und dass das, was mir dort angeboten wurde, mir gerade den Arsch retten würde.
Vor ein paar Tagen rief die Chefin an, um zu fragen, ob ich den Lohn fürs trial auch persönlich abholen könnte, und wir kamen ins Gespräch, in dem sie mir nochmal erklärte, dass sie mich so gern genommen hätten, sich aber keine teurere Kraft leisten könnten, und selbst ihre letzte Angestellte, die jahrelang in dem Business gearbeitet hatte, hatte weniger bekommen, und ich denke : ja, dumm von ihr, ist zu wenig, und schäme mich ein bisschen für meine Überheblichkeit und wünsche mir, ich hätte etwas mehr Demut und denke, oh Gott, wo soll das hinführen, vielleicht werde ich irgendwann zum Arschloch, ohne es zu merken, spätestens wenn ich selbst Angestellte habe.
Jedenfalls treffen wir uns später im Laden, und ich merke schon auf dem Weg da hin, dass sie nun die Zügel in der Hand hat, denn ich werde für sie arbeiten, weil ich es muss, und ich finde das so einen schlimmen Zustand und merke, wie ohnmächtig ich mich fühle, von ihr abhängig zu sein und Geld zu brauchen, und zu wissen, dass sie weiß, dass ich für sie arbeiten werde, weil ich muss. Ich habe so wenig Kraft, dass ich ihr erzähle, wie schwierig es ist, einen Job zu finden, und dass es wirklich schwierig ist, und das hätte ich nicht gedacht, und fühle mich wie das größte Opfer und sie sieht es, denn meine Stimme ist ganz  leise.
Sie nennt mir vermutlich aus Versehen einen höheren Stundenlohn als beim letzten Mal und in der nächsten SMS komme ich drauf zurück, bedanke mich fürs Angebot und sage, das wäre ein guter Kompromiss für mich und schäme mich, weil wir ich merke, dass ich grade manipulativ bin und vermute, dass sie den genauen Stundenlohn nicht im Kopf hatte, jetzt aber nicht mehr zurück kann.
Am nächsten Tag bekomme ich die Bestätigung für diesen Betrag und freue mich über meinen Sieg, doch kann nur mit einem Mundwinkel lächeln.

9./10.12.19

Ein Mitbewohner ist ausgezogen, Hals über Kopf, niemand wusste Bescheid. Erst war ich schockiert, betroffen, ich konnte verstehen, wie sehr enttäuscht der Vermieter war, hatte er doch am Morgen noch mit ihm gesprochen und gesagt: bis später!, nun muss schnell jemand neues gefunden werden. Vielleicht kann ich ja in sein Zimmer ziehen, wenn der jetzt weg ist, dachte ich kurz.

Als ich heute allein war, ging ich ins leere Zimmer, ehrlich gesagt, um zu sehen, ob er irgendetwas brauchbares da gelassen haben könnte, was mir gefällt. Ich freute mich, dass er den Ventilator nicht mitgenommen hatte, den hat er erst letzte Woche gekauft. Nicht, dass ich einen brauchen würde in meinem Zimmer, ich hab so etwas ähnliches.

Jedenfalls nehme ich mir eine Skulptur, die da herumsteht und stelle sie in mein Zimmer. Bin froh, dass niemand anderes da ist und mich dabei sieht.

Dann durchforste ich seinen Schrank in der Küche und sehe: Geil, Sesammus. Ih, Eier. Geil, Lemon curd. Was ist da drin? Ih, Milchpulver, Eier.

,und denke daran, wie ich am Anfang, als ich eingezogen bin, immer das Öl von anderen benutzt habe, erst nach ein paar Tagen bemerkt, dass hier nicht geteilt wird, sondern jeder sein eigenes Öl kauft, das war mir unangenehm, denn ich wollte auf keinen Fall als Schmarotzerin gelten, woraufhin ich einen 5 Liter Kanister Olivenöl kaufte, von dem alle wissen, wie teuer er ist, weil wir alle im selben Laden einkaufen, und verkündete am folgenden WG-Abend: Leute, findet ihr das nicht auch bescheuert, dass wir Öl, Salz, etc separat haben, wenn wir es alle täglich benutzen? Und alle so: schon. Und ich so, guckt, das können wir alle benutzen!

Wobei ich unter anderem davon ablenken wollte, dass ich in den letzten Tagen immer das Öl von irgendwem anders genommen hatte.

Mit diesem Schuldgefühl im Nacken wagte ich nicht, vorzuschlagen, dass mir alle ein paar Dollar dazu geben könnten, und bereute am nächsten Tag meine geheuchelte Großzügigkeit, hoffte, dass der Rest der WG doch lieber ihr eigenes Öl benutzten. Beim bemerken dieser Reue und des Ärgers darüber beschloss ich, diesen Vorfall schnell zu verdrängen.

Weil es schwierig ist, aus dem Kanister zu gießen, habe ich einen kleinen Lappen in den Griff geklemmt.

Täglich schaue ich ohne nachzudenken nach, ob der Lappen noch so geklemmt ist, wie ich ihn hinterlassen habe oder ob jemand das Öl benutzt hat. Und so entspannt, wie ich den Anschein erwecke, wünschte ich, zu sein! Könnte man durchaus in die Kategorie ,,sich dafür schämen“ packen. Wie unangenehm, ich will mich ja nicht schämen! Vor allem überhaupt über dieses Verhalten nachdenken, darüber nachdenken und es nicht wollen, das schämen, und es aber sogar aufschreiben! Aah!

8.12.19 / II

Auf dem Klo treffe ich eine Frau, die aussieht wie eine Aborigine. Ich bin aufgeregt, weil ich noch nie, seit ich in Australien bin, mit einer Aborigine gesprochen habe. Mein stocken scheint sie zu verwirren, als sie mich fragt,

ob ich hier arbeite, und weil ich ans australische Englisch noch nicht gewöhnt bin, verstehe ich, sie arbeite hier, was mich wiederum verwirrt; ein paar mal hin und her verstehen wir uns falsch, was sie sehr witzig findet.

Sie fragt mich, welcher mein Ursprung sei, sie benutzt das Wort ,,indigene“ und fragt nach meinen Wurzeln, ich starre sie an und denke die ganze Zeit an die Dokus, die ich letzte Woche geguckt habe, über die Verfolgung der Aborigines in Australien und, dass ich auf keinen Fall fragen darf :,, Wie ist es denn heutzutage hier, als Aborigine?“ und das ist genau der Satz, den ich im Kopf habe und das ist mir so unangenehm, das zu denken, ehrlich gesagt, ich merke, dass ich etwas gedacht habe, was voll daneben ist und dass mein Kopf warm wird, ich mich also wahrscheinlich geschämt habe, was ich also später aufschreiben muss.
Sie nennt mir ihren Stamm und sagt, dass sie schon immer gern nach Deutschland aus Oktoberfest wollte, weil sie dort anscheinend Sauerstoffzelte haben, damit man, egal wie besoffen, weiter saufen kann. Ich erzähle ihr, Oktoberfest, das ist schrecklich.

Als wir es irgendwann aus dem versifften Klo schaffen, stellt sie mich ihren Schwestern vor und ich stelle sie meiner Kollegin vor. Ich mag sie!

Sie sagt, ich sähe überhaupt nicht aus wie Ende 20 und ich denke : ja, ich achte ja auch auf meine Gesundheit im Gegensatz zu euch, und, schon wieder! Was für ein Gedanke! Wie arrogant von mir! Wie peinlich! Niemand hats gehört, aber mir ist es unangenehm.

Ich muss wieder zu meiner Schicht, bin bisschen verwundert, dass ich jemanden so sympathisch finden kann, gleichzeitig anscheinend schlecht über ihn denken und mich anscheinend schämen, und das alles in Sekundenschnelle?

Erster Versuch 8.12.19

Ok, Los gehts.

Schämen, schämen, schämen. Mal sehen. Was gibt es denn zu schämen?

Habe mir für die Arbeit eine Frisur gemacht, von der ich zuhause beim von weitem in den Spiegel gucken fand, sie sei romantisch und hübsch.

Als ich eben in der Bar auf die Toilette gint, immer noch überzeugt, großartig auszusehen, sah ich, dass meine Frisur überhaupt nicht gut aussieht, sondern meine Haare fettig sind und ich blass. Das war mir kurz unangenehm, hatte ich mich doch gerade zehn Minuten mit meinem Chef unterhalten. Ging dann aber schnell wieder vorbei. Hatte ich eben fettige Haare.
Zählt das?

Vorwort 7.12.19

Das ist ein Experiment.

Ich fange das an, weil ich letztens diese Diskussion mit B hatte, in der es darum ging, wie häufig Menschen sich so schämten.

Er sagte, die ganze Zeit tun die das, ich sagte, ich sei kein Mensch, der sich besonders schämt. Ich hab kein Problem damit, fremde Menschen anzusprechen oder allein ins Kino zu gehen, oder buntes Make Up zu tragen, wenn mir danach ist.

Aber irgendetwas aus dem Gespräch blieb hängen, irgendetwas unangenehmes. Ich hab das Gefühl, ich muss das überprüfen. Deswegen eröffne ich heute dieses Schamtagebuch.