8.12.19 / II

Auf dem Klo treffe ich eine Frau, die aussieht wie eine Aborigine. Ich bin aufgeregt, weil ich noch nie, seit ich in Australien bin, mit einer Aborigine gesprochen habe. Mein stocken scheint sie zu verwirren, als sie mich fragt,

ob ich hier arbeite, und weil ich ans australische Englisch noch nicht gewöhnt bin, verstehe ich, sie arbeite hier, was mich wiederum verwirrt; ein paar mal hin und her verstehen wir uns falsch, was sie sehr witzig findet.

Sie fragt mich, welcher mein Ursprung sei, sie benutzt das Wort ,,indigene“ und fragt nach meinen Wurzeln, ich starre sie an und denke die ganze Zeit an die Dokus, die ich letzte Woche geguckt habe, über die Verfolgung der Aborigines in Australien und, dass ich auf keinen Fall fragen darf :,, Wie ist es denn heutzutage hier, als Aborigine?“ und das ist genau der Satz, den ich im Kopf habe und das ist mir so unangenehm, das zu denken, ehrlich gesagt, ich merke, dass ich etwas gedacht habe, was voll daneben ist und dass mein Kopf warm wird, ich mich also wahrscheinlich geschämt habe, was ich also später aufschreiben muss.
Sie nennt mir ihren Stamm und sagt, dass sie schon immer gern nach Deutschland aus Oktoberfest wollte, weil sie dort anscheinend Sauerstoffzelte haben, damit man, egal wie besoffen, weiter saufen kann. Ich erzähle ihr, Oktoberfest, das ist schrecklich.

Als wir es irgendwann aus dem versifften Klo schaffen, stellt sie mich ihren Schwestern vor und ich stelle sie meiner Kollegin vor. Ich mag sie!

Sie sagt, ich sähe überhaupt nicht aus wie Ende 20 und ich denke : ja, ich achte ja auch auf meine Gesundheit im Gegensatz zu euch, und, schon wieder! Was für ein Gedanke! Wie arrogant von mir! Wie peinlich! Niemand hats gehört, aber mir ist es unangenehm.

Ich muss wieder zu meiner Schicht, bin bisschen verwundert, dass ich jemanden so sympathisch finden kann, gleichzeitig anscheinend schlecht über ihn denken und mich anscheinend schämen, und das alles in Sekundenschnelle?

2 Kommentare zu „8.12.19 / II

  1. Möglicherweise „achtest du“ gar nicht so sehr „auf deine Gesundheit“, sondern du profitierst von einem High-End-Gesundheitssystem, kannst dir teure Bio-Nahrungsmittel leisten, hast eine lange Schulbildung gehabt und niemand verlangte von dir, dass du schon mit 15 z.B. Zementsäcke schlepptest, gewerbsmäßig Toiletten schrubbtest oder mangels Perspektive schon mit 20 vier Kinder zur Welt gebracht hast. Ich schätze, du übernachtest in AUS mit Klimaanlage und in einem voll ausgestatteten Bett für dich allein, außerdem bist du nur selten unfreiwillig der mörderischen Sonne ausgesetzt – im Gegensatz zu dieser Frau. Auch solchen Kleinigkeiten verdankst du deine Gesundheit und dein vergleichsweise unverbrauchtes Aussehen😊Das ist kein Grund sich zu schämen, doch es ist auch kein Grund sich überlegen zu fühlen.

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    1. Danke für deinen Kommentar! Das stimmt fast alles, was du schreibst, michbezüglich, bis auf die Klimaanlage. Was die Frau für ein Leben hat und gelebt hat, wissen dabei natürlich weder ich noch du.
      Das Interessante an der Situation, worum es mir hier geht, ist, aufzuschreiben, was für Gedanken aus dem Unwussten hochschießen, die man sonst nicht beachtet oder lieber so tut, als wären sie nicht da. Unreflektierte Gedanken, die, wenn bemerkt, zensiert werden. Was du durch deinen Kommentar auch gemacht hast, und was unsere erste gewohnte(und ich glaube nicht, natürliche, sondern erlernte) Reaktion ist, meine ja auch. Genau das möchte ich untersuchen, was ist eigentlich da, vor der eigenen Zensur? Es ist kein Grund, sich überlegen zu fühlen, oder sich für diese Gedanken der Überlegenheit zu schämen, aber genau diesen anschließenden Schritt der Bewertung eigener Gedanken (oder fremder Gedanken) möchte ich nicht machen. Dann fängt es nämlich an, interessant zu werden.

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