11.12.19

Alter, ich hab mich im Schlaf geschämt. Ich hab heute den ersten Arbeitstag in ’nem Laden, und diesen Arbeitstag habe ich im Traum erlebt, habe dort fünf Stunden verschlafen, wurde dann angerufen, habe mich geschämt, weil ich fünf Stunden zu spät war und weil es mir egal war und ich erst im Traum verstanden habe, dass man so etwas nicht macht.

Den Job hatte ich mir schon in Deutschland rausgesucht, wollte gern dort arbeiten. Hatte mir so überlegt, was ich dort gern verdienen würde. Beim Trial bekam ich auf die Frage, was es pro Stunde denn gebe, keine klare Antwort, nur dass es nach Erfahrung gehe und je mehr Erfahrung, desto besser wird bezahlt.
Ein paar Tage später bekam ich die Nachricht, dass sie mich sehr gerne einstellen würden, doch zum Mindestlohn. Wir führten eine sich über viele Kurznachrichten ausdehnenende Diskussion, weil ich damit nicht einverstanden war, mit der Erfahrung, die ich hatte, hatte ich doch einen ähnlichen Laden in Berlin allein geschmissen, und merke, dass ich jetzt aber ein bisschen übertreibe, meistens war noch jemand dabei, und am Ende kamen wir nicht überein, wobei die SMS – Partnerin sagte, sobald ich allein arbeiten würde ich den Stundenlohn auf jeden Fall bekommen, den ich gern hätte. Ich war froh, hatte ich doch meine Ehre behalten.
Dann begannen die Wochen der täglichen Jobsuche und die Erkenntnis, dass es wahnsinnig schwierig ist, einen Job zu finden. Ich merkte auch, dass die Löhne so dolle eigentlich gar nicht sind, und dass das, was mir dort angeboten wurde, mir gerade den Arsch retten würde.
Vor ein paar Tagen rief die Chefin an, um zu fragen, ob ich den Lohn fürs trial auch persönlich abholen könnte, und wir kamen ins Gespräch, in dem sie mir nochmal erklärte, dass sie mich so gern genommen hätten, sich aber keine teurere Kraft leisten könnten, und selbst ihre letzte Angestellte, die jahrelang in dem Business gearbeitet hatte, hatte weniger bekommen, und ich denke : ja, dumm von ihr, ist zu wenig, und schäme mich ein bisschen für meine Überheblichkeit und wünsche mir, ich hätte etwas mehr Demut und denke, oh Gott, wo soll das hinführen, vielleicht werde ich irgendwann zum Arschloch, ohne es zu merken, spätestens wenn ich selbst Angestellte habe.
Jedenfalls treffen wir uns später im Laden, und ich merke schon auf dem Weg da hin, dass sie nun die Zügel in der Hand hat, denn ich werde für sie arbeiten, weil ich es muss, und ich finde das so einen schlimmen Zustand und merke, wie ohnmächtig ich mich fühle, von ihr abhängig zu sein und Geld zu brauchen, und zu wissen, dass sie weiß, dass ich für sie arbeiten werde, weil ich muss. Ich habe so wenig Kraft, dass ich ihr erzähle, wie schwierig es ist, einen Job zu finden, und dass es wirklich schwierig ist, und das hätte ich nicht gedacht, und fühle mich wie das größte Opfer und sie sieht es, denn meine Stimme ist ganz  leise.
Sie nennt mir vermutlich aus Versehen einen höheren Stundenlohn als beim letzten Mal und in der nächsten SMS komme ich drauf zurück, bedanke mich fürs Angebot und sage, das wäre ein guter Kompromiss für mich und schäme mich, weil wir ich merke, dass ich grade manipulativ bin und vermute, dass sie den genauen Stundenlohn nicht im Kopf hatte, jetzt aber nicht mehr zurück kann.
Am nächsten Tag bekomme ich die Bestätigung für diesen Betrag und freue mich über meinen Sieg, doch kann nur mit einem Mundwinkel lächeln.

6 Kommentare zu „11.12.19

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